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CCS Ladder 2.0 – ein Update zur Einordnung des Klimanutzens von CCS-Anwendungen in Europa

Autor:innen: Georg Kobiela (Bellona Deutschland); Domien Vangenechten (E3G)

Als E3G und Bellona 2023 erstmals die CCS Ladder veröffentlichten, war das Ziel, mehr Differenzierung in die polarisierte Debatte um CCS zu bringen. Carbon Capture and Storage (CCS) wurde häufig als monolithische „Ja-oder-Nein“-Technologie behandelt. Was fehlte, war eine strukturierte Einordnung: Wo liefern CCS-Anwendungen tatsächlich dauerhaften Klimanutzen – und wo droht ein Einsatz der Technologie, tiefgreifendere Transformation zu verzögern?

Mit der CCS Ladder 2.0 legen wir nun eine umfassend aktualisierte Fassung dieses Bewertungsrahmens vor.

In einem Webinar (siehe unten) stellen wir Ihnen die zentralen Erkenntnisse der CCS Ladder 2.0 vor und stellen diese zur kritischen Diskussion:

Was sind die zentralen Erkenntnisse?

Der Klimanutzen von CCS ist dynamisch und wird in vielen Bereichen voraussichtlich sinken, wenn Alternativen wie Elektrifizierung, erneuerbarer Strom, Kreislaufwirtschaft und Nachfragereduktion erfolgreich skalieren. In zahlreichen Anwendungen – etwa im Stromsektor oder bei Prozessen mit niedrig- bis mittelhohem Wärmebedarf – sind Alternativen CCS bereits überlegen. Gleichzeitig bleibt CCS in bestimmten Bereichen – etwa bei prozessbedingten Emissionen in der Kalk- und Zementklinkerproduktion oder bei der thermischen Behandlung von relevanten Anteilen verschiedener Abfallkategorien – voraussichtlich mindestens mittelfristig unverzichtbar für eine nahezu vollständige Dekarbonisierung. Ein Warten auf mögliche Alternativen stellt hier ein allzu großes Wagnis dar angesichts der klimapolitischen Notwendigkeit einer schnellen und effektiven Reduktion von Emissionen.

Zugleich zeigt sich ein strukturelles Spannungsfeld: Dort, wo CCS am dringendsten gebraucht wird, ist es nicht immer am einfachsten oder günstigsten umzusetzen. Eine reine Orientierung an kurzfristigen Vermeidungskosten würde daher oft jene Projekte begünstigen, bei denen CCS leicht realisierbar ist – nicht unbedingt jene, die für eine tiefgreifende industrielle Transformation strategisch entscheidend sind. Überlegungen zur Priorisierung müssen deshalb Klimanutzen, Systemrelevanz und langfristige Transformationspfade gemeinsam in den Blick nehmen.

Warum ein Update?

Seit 2023 hat sich der Kontext substanziell verändert:

  • Mit der European Industrial Carbon Management Strategy hat die EU ambitionierte Ziele (50 Mt/a Injektionskapazität bis 2030) für CO₂-Abscheidung und -Speicherung formuliert.
  • Der Net Zero Industry Act verankert CO₂-Speicherung als Teil der europäischen Industriearchitektur und in Deutschland wurde erstmals im Rahmen des Kohlendioxid-Speicherungs- und Transportgesetzes (KSpTG) die Nutzung von CCS als Dekarbonisierungsoption ermöglicht – inklusive der Möglichkeit des Erschließung von CO2-Speichern in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) der deutschen Nordsee und einem perspektivischen Onshore-Opt-in der Bundesländer.
  • 2025 ging mit an der Zementfabrik Brevik in Norwegen die erste industrielle CCS-Großanlage Europas in Betrieb.
  • In allen in Frage kommenden Anwendungsbereichen entwickeln sich sowohl die Abscheidetechnologien als auch alternative CO2-Vermeidungsoptionen weiter.
  • Parallel veränderten sinkende Kosten für Erneuerbare, Fortschritte bei Elektrifizierung und Verzögerungen im Wasserstoffhochlauf das Wettbewerbsumfeld von CCS grundlegend.

Zugleich ist der politische Raum für ambitionierte Klimapolitik enger geworden, da die wahrgenommenen Trade-Offs die Debatte zunehmend prägen. Fragen von Wettbewerbsfähigkeit, Energiepreisen und fiskalischen Spielräumen prägen die Diskussion stärker als 2023. Der Anspruch, „Technologieneutralität“ zu wahren, darf aber nicht dazu führen, notwendige Priorisierungsentscheidungen zu vermeiden.

Was leistet die CCS Ladder 2.0?

Die Ziele bleiben unverändert:

  • Vergleichende, sektorübergreifende Einordnung von CCS-Anwendungen nach ihrem relativen Klimanutzen
  • Bewertung auf der Ebene von Anwendungssektoren, nicht einzelner Projekte
  • Unterstützung strategischer Priorisierung für das Design der Förderlandschaft – insbesondere bei knappen Infrastruktur- und Fördermitteln

Sie ist kein Förderleitfaden und keine abschließende Bewertung einzelner Projekte.
Die CCS Ladder macht jedoch deutlich, wo CCS aus der Perspektive des Klimanutzens der Technologie besonders wertvoll ist – und wo Alternativen wie Elektrifizierung oder direkte Emissionsvermeidung strukturell überlegen sein können.

Wie wurde die Methodik verbessert?

Kern der Aktualisierung ist ein angepasstes Scoring-System mit drei Kriterien (statt zuvor vier), wobei das Kriterium „Wettbewerb durch Alternativen“ doppelt gewichtet wird. Die Kriterien wurden inhaltlich geschärft:

  • Wettbewerb durch Alternativen berücksichtigt nun expliziter Potenziale zur Elektrifizierung, Substitution, Kreislaufwirtschaft und Nachfragereduktion.
  • Minderungspotenzial erfasst weiterhin sowohl das emissionsmindernde Potenzial auf Anlagenebene als auch systemische Effekte.
  • Umsetzbarkeit (Feasibility) bezieht verstärkt regulatorische und ökonomische Rahmenbedingungen ein, etwa CO₂-Bepreisung für Restemissionen sowie Kosten zur Erreichung hoher Abscheideraten.
  • Zudem wurde die Liste der bewerteten Anwendungen vollständig überprüft: Einige Anwendungen wurden gestrichen, neue ergänzt und dort differenziert, wo sektorale Unterschiede für die Bewertung relevant sind.

Bewusst nicht enthalten sind eigenständige Biomasse-basierte CCS-Anwendungen (Bio-CCS, mithin auch BECCS). Deren spezifisches Potenzial für negative Emissionen hängt maßgeblich von Nachhaltigkeit und Lebenszyklusanalysen der Biomassebereitstellung ab – Aspekte, die im vorliegenden systematischen Bewertungsrahmen nicht angemessen abgebildet werden können. Die wichtige und erforderliche fundierte Bewertung dieser Anwendungen erfordert daher ein eigenständiges analytisches Vorgehen.

Wir verstehen die CCS Ladder als lernendes und iteratives Instrument. Sie wurde weiterentwickelt auf Basis neuer Daten, politischer Entwicklungen und vielfältiger Stakeholder-Rückmeldungen.

Die CCS Ladder 2.0 ist damit kein Plädoyer für oder gegen CCS – sondern ein Werkzeug für strategische Klima- und Industriepolitik.

Wir freuen uns auf Feedback und anschließende Gespräche!

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