EU-Stahllabel: Wenn grauer Stahl plötzlich grün wird
Ein Label mit großer Wirkung
Die EU will Stahl künftig nach seiner Klimaleistung klassifizieren. Was nach technischer Detailarbeit klingt, könnte über Milliardeninvestitionen, öffentliche Beschaffung und die Glaubwürdigkeit europäischer Industriepolitik entscheiden. Das geplante Label soll sichtbar machen, welcher Stahl tatsächlich emissionsarm ist, und damit neue Märkte für grünen Stahl schaffen. Doch der aktuelle Entwurf droht dieses Ziel zu verfehlen: Er könnte große Teile des heute bereits verfügbaren Stahls in Europa in die obersten Leistungsklassen einordnen, obwohl die eigentliche Transformation zur nahezu klimaneutralen Produktion noch aussteht.
Der ESPR-Entwurf setzt die Schwellen zu niedrig
Im Zentrum steht der Vorschlag des Joint Research Centre (JRC) vom 1. April 2026 für Umweltleistungsklassen von A bis E unter der EU-Ökodesign-Verordnung ESPR. Für warmgewalzten Stahl, also Hot Rolled Coil, würde Klasse A bis 1,79 Tonnen CO2-Äquivalent pro Tonne Stahl reichen, Klasse B bis 2,66 Tonnen. Genau diese beiden oberen Klassen sollen für grüne öffentliche Beschaffung relevant werden. Das Problem: Nach den Referenzszenarien fallen europäische Elektroofenrouten weitgehend in Klasse A, untersuchte europäische Hochofen-Konverter-Routen in Klasse B. Damit wäre auf dem EU-Markt sehr viel Stahl bereits „grün genug“, bevor die eigentliche industrielle Transformation stattgefunden hat.
Besonders deutlich wird die Schieflage in Abbildung 1. Unsere Grafik vergleicht den EU-Entwurf für Hot Rolled Coil mit anderen internationalen Stahllabels, darunter der deutsche Low Emission Steel Standard (LESS, hervorgegangen aus einem vom BMWK begleiteten Stakeholder-Prozess), die indische Green-Steel-Taxonomie und chinesische Klassifizierungssysteme. Der Befund ist klar: Die vorgeschlagenen EU-Schwellen sind deutlich großzügiger. Stahl, der in anderen Systemen nur mittelmäßig abschneiden würde, könnte in Europa noch als Klasse A oder B gelten. Damit entsteht eine internationale Ungleichheit: Nicht zwingend der sauberste Stahl erhält das beste Label, sondern der Stahl, der vom wenigsten strengen System bewertet wird.
Abbildung 1. Vergleich der im ESPR-Entwurf vom 1. April 2026 vorgeschlagenen Umweltleistungsklassen für warmgewalzten Stahl (Hot Rolled Coil, HRC) mit ausgewählten internationalen Stahl-Labels und Klassifizierungssystemen (Mehr Details mit Quellen in unserer Veröffentlichung).
Greenwashing statt Leitmarkt?
Das ist mehr als ein methodisches Problem. Ein Label soll Märkte ordnen, Investitionen lenken und Vertrauen schaffen. Wenn Europa die Schwelle für „grünen“ Stahl zu niedrig ansetzt, verschiebt es den internationalen Wettbewerb. Produzenten, die tatsächlich tiefgreifend dekarbonisieren, werden nicht klar genug von Produzenten unterschieden, die nur im Vergleich zu besonders emissionsintensiven Anlagen besser aussehen. Für öffentliche Ausschreibungen und private Abnehmer entsteht dann keine Orientierung, sondern ein Graubereich mit grünem Anstrich. Grüne Leitmärkte – auf die auch die deutsche Bundesregierung setzt – drohen damit, zu einem wirkungslosen Instrument zu werden.
Eine zentrale Ursache liegt in der Kalibrierung. Die EU-Schwellen orientieren sich nicht konsequent an dem, was mit modernsten nahezu emissionsfreien Technologien erreichbar ist, sondern an heutigen Produktionsverteilungen. Zudem wird mit globalen Produktionsdaten gearbeitet, obwohl die ESPR Produkte auf dem EU-Markt reguliert. Besonders emissionsintensive Anlagen außerhalb Europas ziehen die Vergleichsbasis nach oben. Europäische Produktion erscheint dadurch automatisch besser. Das macht das Label politisch bequem, aber klimapolitisch schwach.
Warum Deutschland ein starkes Label braucht
Für Deutschland ist diese Debatte besonders relevant. Unternehmen wie Salzgitter, SHS/Saarstahl/Dillinger und thyssenkrupp Steel haben bereits weitreichende Transformationsentscheidungen getroffen und befinden sich mitten im industriellen Umbruch. Sie investieren in neue Produktionsrouten, Direktreduktionsanlagen, Elektrolichtbogenofen-Kapazitäten und eine grundlegende Umstellung ihrer Prozesse. Ein glaubwürdiges Label kann diese Investitionen absichern, weil es den Markt sichtbar zwischen konventionellem Stahl und echtem Transformations-basierten Stahl unterscheidet. Ein schwaches Label tut das Gegenteil: Es nimmt Vorreitern den Vorsprung, weil auch weniger ambitionierte Produktion in den oberen Klassen landen kann.
Die entscheidende Frage ist deshalb, wie streng Europa die Messlatte setzt. Klasse A sollte nahezu emissionsfreiem Stahl vorbehalten sein — auch wenn diese Klasse anfangs leer oder fast leer bleibt. Genau das wäre ein starkes Signal: Der Markt ist noch nicht am Ziel, aber das Ziel ist klar. Außerdem braucht das System eine verbindliche Verschärfung über die Zeit. Schwellenwerte sollten regelmäßig sinken, entlang technologischen Fortschritts und europäischer Klimaziele. Und es braucht absolute Emissionsobergrenzen, damit Stahl nur dann besser eingestuft wird, wenn seine eigene Produktion tatsächlich sauberer wird — nicht, weil andere im Vergleich schlechter sind.
Fazit: Das Label muss Transformation sichtbar machen
Abbildung 1zeigt damit den Kern des Problems: Ein Label kann Transformation beschleunigen, aber auch den Status quo stabilisieren. Wenn Europa „grünen Stahl“ zu breit definiert, wird aus einem Leitmarktinstrument ein Etikett für Durchschnittsleistung. Für Deutschland wäre das besonders bitter: Ausgerechnet Unternehmen, die bereits Milliarden in den Umbau gesteckt haben, würden nicht ausreichend von weniger ambitionierter Produktion unterschieden. Ein starkes EU-Label muss deshalb nicht möglichst viele Produkte gut aussehen lassen. Es muss sichtbar machen, wer die Stahlindustrie wirklich in Richtung Klimaneutralität bewegt.