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Grüner Stahl

Mit einem Anteil von 5 % an den europäischen CO2-Emissionen ist die Eisen- und Stahlindustrie eine zentrale Stellschraube für den Übergang zur Klimaneutralität. Gleichzeitig sichert die europäische Stahlbranche knapp 300.000 Arbeitsplätze. Aufgrund des anhaltenden Bedarfs an Wohnraum, Verkehr, Infrastruktur und der Energiewende wird die Stahlnachfrage auch in Zukunft hoch bleiben. Um diese klimaverträglich zu decken, sind entschlossene Schritte hin zu CO₂-armem, sogenanntem „grünem Stahl“ erforderlich.


Auf den Punkt

  • Die Erz-basierte Primärproduktion ist ein zentraler Pfeiler der deutschen Stahlbranche und zugleich besonders CO2-intensiv.
  • Über die DRI-EAF Route lässt sich Stahl mithilfe von grünem Wasserstoff und grünem Strom deutlich emissionsärmer herstellen. Angesichts der begrenzten Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff kommt es dabei auf einen effizienten Einsatz im Direktreduktionsprozess an.
  • Für einen erfolgreichen Markthochlauf von grünem Stahl braucht es verlässliche politische Leitplanken: konditionierte Förderung, schnellere Genehmigungen und Investitionen, klare Standards und Transparenz, grüne Leitmärkte sowie einen fairen internationalen Wettbewerb.

Gesamtsystem

«Die Primärproduktion von klimafreundlichem Stahl ist technisch möglich, doch es benötigt eine neue Infrastruktur, inklusive Direktreduktionsanlagen und Elektrolichtbogenöfen, die mit grünem Wasserstoff und grünem Strom betrieben werden.»

Dr. Lena Patterer

Fachreferentin Stahltransformation

Europa verfügt bereits über eine starke Basis recyclingbasierter Stahlproduktion (~40 %), aber die begrenzte Verfügbarkeit von hochwertigem Schrott macht die CO2-intensive erzbasierte Primärstahlproduktion weiterhin unvermeidbar. In Deutschland erfolgt die Primärproduktion fast ausschließlich über die konventionelle Hochofen-Konverter-Route (engl. BF-BOF), bei der das Eisen mithilfe von Kohlenstoff aus Eisenerz gewonnen und letztendlich zu Stahl weiterverarbeitet wird. Dabei wird eine große Menge CO2 als Nebenprodukt freigesetzt, sodass der Stahlsektor zu einem relevanten Anteil zur globalen Erwärmung beiträgt.

Es gibt bereits Technologien, die eine Stahlproduktion mit deutlich weniger CO2 ermöglichen: So kann beispielsweise anstelle von Kohlenstoff (grüner) Wasserstoff und (grüner) Strom eingesetzt werden, sodass als Nebenprodukt lediglich klimafreundlicher Wasserdampf entsteht. Diese Technologie erfordert allerdings den Bau neuer Produktionsanlagen, sogenannter Direktreduktionsanlagen sowie Elektrolichtbogenöfen zum Schmelzen: Dieser Prozess wird als DRI-EAF Route bezeichnet.

Herausforderungen

Die hohenInvestitionen in eine neue Infrastruktur für eine klimaneutrale Stahlproduktion stellen viele Stahlunternehmen vor große Herausforderungen. Deutschland hat noch immer die Chance, Vorreiter zu sein. Doch unklare Rahmenbedingungen erschweren die Planung: Wann gibt es eine zuverlässige Wasserstoffversorgung und zu welchen Preisen? Wie lange wird Erdgas in Direktreduktionsanlagen als Übergangslösung notwendig sein? Gibt es genug erneuerbaren Strom sowie hochwertiges Erz für die DRI-EAF Route? Wie kann ein Absatzmarkt für grünen Stahl gestaltet werden? Die deutsche Politik muss diese Fragen schnell klären und verlässlich umsetzen. Gleichzeitig dürfen Unternehmen keine Zeit verlieren und müssen sich auf das Ende der Hochöfen vorbereiten, denn für sie darf es in Deutschland keine Zukunft geben.

Politische Rahmenbedingungen

Damit der Hochlauf von grünem Stahl gelingt und Investitionen planbar werden, müssen zentrale politische Rahmenbedingungen schnell und verlässlich definiert und umgesetzt werden.

Innovations- und Transformationsförderung:

Öffentliche Mittel sollten gezielt dort eingesetzt werden, wo sie die Transformation tatsächlich beschleunigen und deshalb an klare, überprüfbare Bedingungen geknüpft sein. Dazu gehören verbindliche Emissionsminderungs-Meilensteine, transparente Zeitpläne zur vollständigen Defossilisierung sowie eine regelmäßige Erfolgskontrolle. Werden vereinbarte Ziele nicht erreicht, müssen Rückzahlungsmechanismen greifen, damit eine Förderung nicht ins Leere läuft und Fehlanreize vermieden werden.

Investitionen & schnelle Genehmigungsverfahren:

Für die Transformation der Stahlindustrie braucht es Investitionen in erneuerbare Energien, Netze, Speicher und eine Wasserstoffinfrastruktur, die eine Dekarbonisierung ermöglicht, statt fossile Abhängigkeiten zu verfestigen. Zugleich müssen Planung und Genehmigung schneller werden durch klare Verfahren, genügend Personal, verbindliche Fristen, Transparenz und Digitalisierung, jedoch keine Absenkung von Umweltstandards. Wasserstoff wird auch künftig eine knappe Ressource bleiben. Daher ist es entscheidend, seinen Einsatz gezielt auf sogenannte No-Regret-Sektoren zu priorisieren – also auf Bereiche, in denen keine alternativen Dekarbonisierungsoptionen wie die Elektrifizierung zur Verfügung stehen, wie zum Beispiel im Direktreduktionsprozess.

Standards & Transparenz:

Damit klimafreundlicher Stahl verlässlich anerkannt und gefördert werden kann, braucht es einheitliche und verbindliche Standards. Dazu gehören klare Definitionen dafür, was als „grüner Stahl“ gilt, sowie eine verpflichtende, vergleichbare CO2-Bilanzierung über die gesamte Wertschöpfungskette. Nur so werden Vergleichbarkeit und Glaubwürdigkeit sichergestellt und es kann verhindert werden, dass Fördermittel ineffizient eingesetzt oder die Klimawirkungen überschätzt werden.

Grüne Leitmärkte:

Damit Investitionen in klimafreundliche Stahlproduktion tragfähig werden, muss die Nachfrage nach grünem Stahl gesichert werden. Öffentliche Beschaffung kann vorangehen, etwa mit verbindlichen Anforderungen und Mindestquoten in Infrastrukturprojekten. Ergänzend können Carbon Contracts for Difference (CCfD) Mehrkosten abfedern und Planungssicherheit für Unternehmen schaffen. Entscheidend ist eine tatsächliche Wirkung, die den Markthochlauf skaliert.

Schutz & fairer Wettbewerb (inkl. CBAM):

Damit Investitionen in CO2-arme Stahlproduktion nicht durch billigere, emissionsintensive Importe unterlaufen werden, braucht es einen wirksamen EU-Grenzausgleich und handelspolitische Flankierung. Der sogenannte Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) sollte CO2-Kosten von EU-Importen transparent machen und Verzerrungen reduzieren. Klare Regeln, Nachweispflichten, Kontrollen und Sanktionen müssen Umgehung und Greenwashing verhindern.

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Dr. Lena Patterer

Fachreferentin Stahltransformation

Dr. Lena Patterer

Fachreferentin Stahltransformation

Amrei Milch

Head of Public Affairs & Operations

Dr. Jan-Justus Andreas

Geschäftsführer